Ich dachte immer, Survival findet draußen statt. Und, ja, so kenne ich es auch noch. Von den abenteuerlustigen Touren per Anhalter ins Riesengebirge. Das war 1983. Mit einem alten Artillerie-Rucksack, Regenjacken, Taschenlampen und Zelt.
Bis unsere Erdgasheizung mitten im Februar bei minus sieben Grad Nachttemperatur beschlossen hat, ihren Dienst endgültig einzustellen. Ohne Vorwarnung. Ohne Abschiedsrede. Einfach aus. Wer jemals bei solchen Temperaturen im Keller stand und versucht hat, eine widerspenstige Heizung durch gutes Zureden wiederzubeleben, weiß: Man durchläuft alle Phasen. Optimismus. Technischer Ehrgeiz. Leichte Verzweiflung. Und schließlich das stille Akzeptieren. Der Heizungsbauer kam am nächsten Tag, sah sich alles an, nickte dieses berühmte Fachmann-Nicken – und bestätigte, was ich innerlich schon wusste: „Die läuft nicht mehr.“
Ab diesem Moment wurde aus Alltag plötzlich Indoor-Survival.
Zum Glück hatte ich über die Jahre nicht nur Weihnachtsdeko und Osterhasen gesammelt. Mehrere Petroleumöfen standen bereit, der Bioethanol-Kamin durfte zeigen, dass er mehr ist als nur Stimmungsmacher, und warme Kleidung wurde erst einmal zur offiziellen Hausuniform. Mit einem Petroleumofen und einem Bioethanolkamin im Wohnzimmer ist es uns mittlerweile dort kuschelig warm. Wir haben inzwischen die Frühjahrsmode herausgeholt. Dabei steht das große Fenster immer auf Kipp. Das ist überlebenswichtig bei offenen Feuerstellen im Innenraum. Und durch die alten Zwischendecken (BJ 1934) zieht die Kaminwärme über den Tag bis ins Obergeschoss. Das sind alles wunderbare Neuigkeiten und Beobachtungen. Survival-Zeiten ändern sich. Auch ins Positive.
Währenddessen lief und läuft die Organisation für die neue Heizung. Angebot da, Hoffnung da – bis kurz vor der Lieferung ein kluger Mann und ich feststellten, dass das neue Gerät gar nicht durch die kleinen Kellerräume passt. An einem Freitagnachmittag saß mir der kluge Mann – der Inhaber der Heizungsbaufirma – per Handyzuschaltung auf der Schulter, während ich mit Lineal und Zollstock vergeblich zusätzliche 2 cm Kellerdeckenhöhe suchte. Ja. Manchmal ist das Leben eine Mischung aus Improvisationstheater und technischer Comedy.
Wir suchen nun wieder einen neuen – kleinen dicken? – Standkessel… .
Und jetzt begann ein Gedankenspiel: Was wäre eigentlich, wenn das Ganze nicht nur eine kaputte Heizung wäre – sondern ein echter Blackout? Denn dann wird es nicht nur kühl. Es wird dunkel. Dieses echte Dunkel, das wir kaum noch kennen. Kein Summen von Geräten. Keine Hintergrundbeleuchtung. Keine schnellen Lösungen auf Knopfdruck.
Also ging die mentale Checkliste los.
Taschenlampen? Wo sind die guten? Batterien geprüft? Alle Powerbanks und die EcoFlow-Powerstation geladen? Diese sollten mindestens die 3 Stehlampen zum Leuchten bringen. Daneben bekam die Sturmlaterne plötzlich einen festen Platz, und ihr warmes Licht fühlte sich überraschend beruhigend an. Petroleum ist im Haus. Zum Glück ausreichend. Wo sind die Walkie-Talkies? Und das Kurbelradio? Steht jetzt im Bücherregal. Und dann tauchte ein ganz alter Gegenstand wieder auf – der Tauchsieder aus DDR-Zeiten. Nicht als Blackout-Lösung (ohne Strom bleibt auch er arbeitslos), sondern als clevere Idee für die momentane Übergangsphase: schnell im Bad Wasser erhitzen, solange noch Energie da ist. Kleine Tricks, die plötzlich wieder Sinn ergeben. Dabei kamen Erinnerungen hoch an meine Studentenwohnung in den 1980ern. Morgens aufstehen war weniger Routine als Mutprobe. Kalt. Wirklich kalt. Die Fenster hielt nur noch der Kitt zusammen. Und ehe der Kohle-Kachelofen seine Wärme nach außen abgab, vergingen Stunden. Da haben wir es hier aber mit der Zeit richtig luxuriös und gemütlich. Wie oben beschrieben.
Vielleicht ist genau das der Kern von Vorbereitung: nicht Perfektion, sondern Optionen. Das Auto nie mit leerem Tank stehen lassen. Bargeld. Ein paar einfache Kochmöglichkeiten ohne Strom bereithalten. Große Nudelpakete (die mit geringer Garzeit) und Reis im Vorratsschrank – langweilig? Vielleicht. Aber im Ernstfall erstaunlich beruhigend. Sie sättigen. Mit ordentlich Ketchup gibt es zumindest eine Geschmacksnote aus der Kindheit. Ein großer Topf auf einem kleinen Outdoor-Ofen, Grill oder auch auf einem Petroleumofen, und plötzlich ist eine warme Mahlzeit wieder selbstverständlich. In Ergänzung bitte an eine unkomplizierte Allround-Vitaminzufuhr (Tabletten, Pulver) denken. Schmerztabletten – Herztabletten: ausreichend vorhanden? Wasservorräte aufbauen. Man kann auch schon einmal in sogenannten „Notwasserbeuteln“ Vorratswasser für die Körperhygiene lagern. Keine Angst: von Algenbildung ist nichts bekannt. Und an die „Notdurft“ müsste man auch denken. Auch hier sind spezielle „Müllsäcke“ erhältlich. Und, wo werden diese entleert? Ach, das weiß ich jetzt auch nicht so recht. Ich denke nach.
Was ich aus dieser Geschichte gelernt habe? Survival beginnt selten spektakulär. Es beginnt mit einem leisen Klick im Keller, einer Heizung, die nicht mehr will, und der Erkenntnis, dass Gelassenheit oft direkt proportional zur Vorbereitung wächst.
Bleiben Sie warm. Und vorbereitet.
Iris Baum